Mit dem amerikanischen Tempolimit hat der Flying Spur keine Mühe, erst recht nicht diesseits des Highways

Auf Zeitreise im Bentley Flying Spur von 1958

Als der Sporn das Fliegen lernte

Nein, der Bentley S1 war sicher kein gewöhnliches Auto. Doch wer es wirklich exklusiv wollte, der bestellte damals eine Sonderkarosserie, deren Namen auch heute noch für etwas ganz besonders steht.

Das soll eine schwierige Auffahrt sein? Natürlich gibt es bessere Autos, um eine luxuriöse Villa auf einem einsamen Gipfel über der Küste von Santa Barbara zu erreichen, als einen Bentley Flying Spur. Denn selbst mit einem 544 PS starken Plug-in-Hybrid in Bug bleiben 2,5 Tonnen immer noch 2,5 Tonnen und auch die Hinterachslenkung ändert nur gefühlt etwas an der Länge von 5,30 Metern. Deshalb können sich auf den engen Serpentinen dieser fein gebügelten Privatstraße schon mal ein paar Schweißflecken unter dem feinen Zwirn bilden. Erst recht, wenn dem feudalen Dickschiff auch noch ein anderes Auto entgegenkommt und sie Tetris spielen müssen mit den Millionendingern auf dem schmalen Band hunderte Meter über dem Meer.

Doch der kantige Brite im Gegenverkehr, den wir der Einfachheit halber mal Dave nennen wollen, kann über unsere Mühen nur lachen. Denn Dave ist Mechaniker in der Heritage Fleet von Bentley, hat heute den Blaumann gegen einen Anzug getauscht und sitzt am Steuer eines Flying Spur, mit dem diese Auffahrt gar vollends zum Abenteuer wird. Schließlich ist sein Dienstwagen nicht aus dem Hier und Heute und mit aller denkbaren Elektronik gespickt. Der schwarze Würdenträger in seinen Händen datiert auf das Jahr 1958 und ist eine der ersten Limousinen, die den Namen Flying Spur trägt.

Den hat sie übrigens nicht von Bentley bekommen, sondern vom Karosseriebauer H.J. Mulliner, oder genauer gesagt von dessen Managing Director Arthur Talbot Johnstone. Weil vielen Besserverdienern dieser Zeit die Luxusware von der Stange gegen den Strich ging, haben sie sich gegen den „Standard Steel Saloon“ entschieden, der seit 1955 in Crewe als Zwilling des Rolls-Royce vom Band lief, und ihre Geschicke einem Coachbuilder anvertraut. Und so wie Park Ward aus der Limousine ein Cabrio machte oder Hooper ein Coupé, hat Designchef George Moseley für Mulliner den Flying Spur entworfen und die Sportlimousine nach Johnstones Familienwappen benannt – einem fliegenden Sporn. Der war nicht nur schnittiger gezeichnet und aus Aluminium statt Stahl gefertigt, sondern natürlich auch noch einmal deutlich teurer: Fast doppelt so viel wie die 3.295 Pfund für den S1 hat Mulliner für den Flying Spur verlangt. Aber dafür bot der schnittige Viertürer nicht nur genügend Platz für vier, vor allem bot er jene Exklusivität, die sich der Bentley-Kunde wünschte. Nicht umsonst hat sich nicht einmal jeder zehnte S1-Kunde für einen Flying Spur entschieden.

Diese Sehnsucht nach dem Besonderen lebt – genau wie die Namen jener Zeit – übrigens bis heute weiter. Denn mittlerweile gehört Mulliner zu Bentley, verantwortet die Individualisierungen der Briten und hat bestens zu tun: Etwa jedes dritte Auto aus Crewe geht durch die Abteilung für edle Exklusivitäten, bevor es mit einem entsprechenden Preisaufschlag ausgeliefert wird.

All das erzählt Dave, während er den Oldtimer mit starker Hand und schwerem Fuß mühsam zwischen Kakteen und Palmen den Berg hinunter zirkelt und durchs breite Tor auf die öffentliche Straße stellt. Dann hat er seinen Job erledigt und gönnt sich eine Auszeit auf dem weichen Sofa in der zweiten Reihe. Keine Ahnung, ob er einen Drink aus der Tasche zaubert und vor sich auf den Klapptisch stellt, ob er die milde Landschaft dieser Millionärsenklave genießt oder einfach die Augen schließt und sich wohl umfächelt von einer noch immer funktionierenden Klimaautomatik dem Jetlag ergibt. Denn während es sich der Profi hinten bequem macht, muss vorne der Laie ans Lenkrad und hat für nichts anders mehr einen Sinn als für die Straße. Schließlich wurden von Flying Spur keine 250 Exemplare gebaut, und ganz so viele davon haben sicher nicht überlebt. Wäre also jammerschade, wenn dieses Exemplar sein illustres Dasein ausgerechnet auf dieser Testfahrt beenden würde.

Doch die Sorge ist unbegründet. Nicht nur, weil Dave bei aller gespielter Gelassenheit ein wachsames Auge aufs Tun hat, oder weil auf den Wohnstraßen hier im beschaulichen und dafür um so glänzenderen Speckgürtel von Santa Barbara kaum Verkehr herrscht, sondern weil sich der Flying Spur überraschend leicht fahren lässt. Schon damals mit Servolenkung bestückt und gegen Aufpreis sogar mit einer Automatik, schnurrt der Souverän ganz gelassen dahin und überrascht mit der Kraft seines 4,9 Liter großen Sechszylinders.

Als die Sprache auf den Motor kommt, mischt sich Dave noch einmal etwas lauter in die Diskussion ein, schwärmt von den 180 PS und den damals ziemlich konkurrenzlosen Fahrleistungen und verankert den Sechszylinder fest in der Firmenhistorie. Ja, Bentley hat auch einen der langlebigsten Achtzylinder gebaut und mittlerweile mehr Exemplare des W12-Motors für die Luxusmodelle des VW-Konzerns produziert als alle andere Hersteller von ihren Zwölfzylindern zusammen. Doch allen, die am Sechszylinder als adäquate Paarung für den E-Motor in den Plug-in-Versionen von Bentayga und nun auch Flying Spur zweifeln, denen erzählt er gerne noch einmal vom Reihensechser im S4 und vom rasenden Roadster Speed Six, den er eigens für solche Fälle ebenfalls aus der Museumsgarage geholt hat.

Natürlich könnte der Veteran im feinen Zwirn nicht mal im Traum mithalten mit dem aktuellen Modell, das als Plug-in in 4,3 Sekunden auf Tempo 100 sprintet und bis zu 285 km/h erreicht. Doch ein gewisser Sportsgeist ist der Limousine nicht abzusprechen. Kein Wunder: Schließlich gab es für den Flying Spur damals eben nicht nur die einzigartige Mulliner- Karosserie, sondern auch eine höhere Kompression für den Motor und einen länger übersetzen großen Gang und damit mehr Tempo als beim Standardmodell. Mit dem amerikanischen Tempolimit hat der Flying Spur deshalb keine Mühe, erst recht nicht diesseits des Highways. Und selbst auf der Autobahn sollte der Oldtimer noch mithalten können. 160 jedenfalls läuft er locker, und 200 km/h sind vielleicht auch noch drin.

Aber nicht nur bei Fahrverhalten und Ambiente ist der Oldtimer dazu angetan, die verwöhnte Kundschaft des neuen Flying Spur auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, auch beim Blick auf den Preis. Denn wer die rund 170.000 Pfund, die Bentley daheim für den neuen Plug-in verlangt, für überzogen hält, der soll doch mal die 8.034 Pfund von 1958 hochrechnen. Damals war das das Zehnfache des durchschnittlichen Jahreseinkommens und entspricht heute rund 190.000 Pfund. Plus der Wertsteigerung, die alle Bentley-Oldtimer mittlerweile mitgemacht und bisweilen sogar die Zwillinge von Rolls-Royce überholt haben. So gesehen ist der aktuelle Flying Spur – Sechszylinder hin, Plug-in-Hybrid her – fast ein schon ein Schnäppchen.

Benjamin Bessinger/SP-X